Oskar Niemeyer – Esplanada dos Ministérios, Brasilia

2016/17

Erratische Architekturkritik –
Hinwendung zu einer wirklichen Architekturkritik

Das zentrale Anliegen jeglicher erratischen Betätigung ist die Suche nach einem Verständnis für das Abweichende, nach seiner Schönheit, und vielleicht nach einem Verständnis für das Unbekannte.

Unter der erratischen Prämisse der Simplifikation wird von Menschen gefügte, meist unbewegliche Struktur als Architektur bezeichnet. Dazu gehören Gebäude ebenso wie Straßen, Laternenmasten genau wie Reklametafeln oder Zäune. Auch sich teilweise bewegende Anlagen wie Schiffshebewerke oder Klappbrücken werden als Architektur bezeichnet.

Alles andere wird entweder als Natur oder als Ding (oder Dinge) bezeichnet. Diese fallen in die Zuständigkeit der Erratischen Naturkritik oder der Erratischen Kritik der Dinge.

Die erratische Architekturkritik ist noch keine Wissenschaft.

Wir haben oftmals die Forderung vertreten gehört, dass eine Wissenschaft über klaren und scharf definierten Grundbegriffen aufgebaut sein soll. In Wirklichkeit beginnt keine Wissenschaft mit solchen Definitionen, auch die exakteste nicht. Der richtige Anfang der wissenschaftlichen Tätigkeit besteht vielmehr in der Beschreibung von Erscheinungen, die dann weiterhin gruppiert, angeordnet und in Zusammenhänge eingetragen werden. Schon bei der Beschreibung kann man es nicht vermeiden, gewisse abstrakte Ideen auf das Material anzuwenden, die man von irgendwoher herbeiholt. Noch unentbehrlicher sind solche Ideen bei der weiteren Verarbeitung des Stoffes. Jede Idee muss zunächst ein gewisses Maß an Unbestimmtheit an sich tragen, von einer klaren Umzeichnung ihres Inhaltes kann keine Rede sein.

Sie haben also streng genommen den Charakter von Konventionen, wobei aber alles darauf ankommt, dass sie doch nicht willkürlich gewählt werden, sondern durch bedeutsame Beziehungen zum empirischen Stoffe bestimmt sind, die man zu erraten vermeint, noch ehe man sie erkennen und nachweisen kann. Es gehört also zur Idee einer Wissenschaft, erst recht zur Idee einer neuen Wissenschaft, tastend zu sich selbst zu kommen und volle Klarheit erst gegen Ende zu erreichen – oder, um mit Hegel zu sprechen: „Die Eule der Minerva beginnt erst in der Dämmerung ihren Flug.“

Als nächstes ist die erratische Architekturkritik eine psychogeografische Disziplin, also eine Wissenschaft des Ortes und der Bewegung – und damit der Vergänglichkeit.

Erratische Architekturkritik beginnt als Haltung, die sich in Beobachtung und Stellungnahme ausdrückt. Der erratische Architekturkritiker ist ein leidenschaftlicher Praktiker des Ortswechsels. Seine Sinne sind offen für die Aufteilungen der Stadt in einzelne, scharf unterscheidbare emotionale oder psychische Klimazonen, für plötzliche Stimmungswechsel auf nur wenigen Straßenmetern, für die Richtung des stärksten Gefälles (ohne Bezug auf den Höhenunterschied), der alle Spaziergänger auch ohne bestimmtes Ziel folgen müssen. Der erratische Architekturkritiker hat scharfe Sinne für den anziehenden oder abstoßenden Charakter bestimmter Orte. Beobachtet wird die Stadt, ihre Ausdehnung und Struktur, ihre Formen und Oberflächen, ihr Glanz und Funkeln, allerdings auch ihre verborgenen Winkel und Gewölbe, ihr Untergrund und ihr Inneres. Beobachtet werden Aufschriften, Schilder, Markierungen und Manifestationen kollektiver Stimmungen. Diese Beobachtungen dienen der Erforschung der genauen Beziehungen und Gesetze im urbanen Milieu und deren exakte Wirkungen auf das emotionale System oder die psychologische Verfasstheit des Individuums.

Dokumentation ist die schärfste Waffe des Architekturkritikers. Solche Dokumente – häufig Bilddokumente – werden gesammelt und in Katalogen angelegt. Optisch-geometrische Informationen über räumliche Objekte besitzen eine höhere Komplexität und Aussagekraft als numerische oder textliche Information.

Heinrich Dubel